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Soziale Netzwerke & Kommunalseiten

Kommunale Website 2.0

Wie gestrig handelt man, wenn im virtuellen Rathaus der vermeintliche Nutzen des Mitmach-Webs noch nicht für die beheimate Stadt oder das Dorf erkannt wurde? Wird die Mitbestimmung von Bürgern entscheidend verbessert, wenn alle Kommunen Präsenzen auf Facebook & Co. unterhalten? In welchen Disziplinen erzeugt das Web 2.0 ein Nutzerplus, das auf Städteportalen vergleichsweise schwer zu erzeugen wäre? Wir sprachen mit Jorg Mühlenberg, der vor zehn Jahren begann, alle Großstadtportale Deutschlands in sporadischen Abständen "zu bereisen". Er warnt vor Aktionismus und setzt zunächst Onpage-Qualitätssicherungsmaßnahmen auf den vorhandenen Städteportalen voraus.

Was fehlt städtischen Homepages, sofern Verantwortliche Facebook, Twitter, XING & Co. zögerlich oder gar nicht nutzen?

Zunächst einmal fehlt natürlich Aufmerksamkeit in den angesprochenen Medien, und es existieren weniger Interaktionswege in der digitalen Interaktion. Außerdem verzichtet man auf den Gewinn neuer, interessierter Besuchergruppen, die sich mit Web-2.0-Präsenzen rekrutieren ließen. Allerdings stellt sich die Frage nach Aufwand und Nutzen sowie den Risiken und den Verpflichtungen, die man eingeht, wenn man Social Media zum dauerhaften Bestandteil verwaltungsbezogener Arbeiten macht.

Heißt das, Sie stehen der Integration beispielsweise von Facebook eher kritisch gegenüber?

Nicht unbedingt, doch bin ich etwas irritiert, wenn hier und da angeprangert wird, dass diese und jene Stadtverwaltung "noch immer keine" eigene Regionalseite bei Facebook betreibt oder der Oberbürgermeister nicht twittert. Wer die Kommunalseiten der größten Städte in Deutschland regelmäßig aufsucht und in Teilbereichen bewertet, der kennt die vielen klaffenden Baustellen, die Verantwortliche auf der eigenen Homepage vorfinden. Ich würde es vorziehen diese Schwachstellen zunächst auszubessern, bevor man sich auf neue vermeintlich segensreiche Tendenzen außerhalb des kommunalen Einflussbereichs stürzt.

Außeracht gelassen wird nämlich häufig, dass zwar mittlerweile weitgehend verinnerlicht wurde, das "Content King ist", doch dieser auch von Menschen erzeugt, gepflegt und verantwortet werden muss. Sofern in Verwaltungsbereichen Extrakapazitäten geschaffen werden, sei es in den Presseämtern oder z. B. im Stadtmarketing, kann auch ernsthaft über Engagements in sozialen Netzwerken nachgedacht werden.

Kurzum: Facebook-Seiten sind bestens dazu geeignet, das Stadtimage langfristig aufzupolieren, taugen jedoch nicht für Ad-hoc-Aktionen mit dem Ziel, für mehr Bürgernähe zu sorgen. Dieser Irrglaube wird derzeit im Web aufgrund verschiedener Interessenslagen befeuert. Verantwortliche sollten sich in diesem Punkt nicht beirren lassen: Zunächst gilt es im bundesweiten Städtevergleich, auf der Gewinnerseite in punkto Benutzerfreundlichkeit zu glänzen, erst dann sollten Vermarktungsmaßnahmen ergriffen werden, die sich überregional auswirken.

hamburg.de könnte am Jahresende wie berlin.de die Millionen-Like-Grenze bei Facebook übersprungen haben. Schaden kann das nicht oder?

hamburg.de wird gerne als schillerndes Beispiel und als einer der Leuchttürme mit Signalwirkung skizziert, an dem sich andere Städteportale orientieren könnten. Dabei sind die Inhalte der Hansestadt gewissenhaft zweigeteilt: Und zwar in einen Teil, der senatsseitig verantwortet wird und damit alle typischen Bürgerämterelemente enthält und einem zweiten, rein redaktionellen Teil, der marketingorientiert konzipiert ist und von einem Vermarktungsunternehmen betrieben wird.

Diesen Sonderfall finden wir bei einigen einwohnerstarken Landes- und Großstädten vor. Mit den typischen Gegebenheiten von Stadt- und Gemeindeseiten hat das wenig zu tun. Werbeeinnahmen durch Banner- oder Linkverkäufe lassen sich natürlich reinvestieren, zum Beispiel um mehr Reichweite zu erzielen. Die Reichweitenoptimierung via Facebook ist bei Städten mittlerer Größe eher selten im Hauptfokus, es sei denn, der regionale Tourismus ist eine Triebfeder.

Es wird ins Feld geführt, virtuelle Rathäuser gäben durch die Integration sozialer Netzwerke mehr Gelegenheit dazu sich zu äußern, mitzuwirken und Einfluss zu nehmen. Wird das Mitspracherecht der Bürger tatsächlich entscheidend begünstigt, wenn Verwaltungsdezernate in sozialen Netzwerken adressierbar sind?

Sicherlich haben öffentliche Netzwerke den großen Vorteil, dass sich Interessensgruppen leichter finden, sowie allgemeine Missstände einfacher formulieren und bündeln lassen. Die Frage ist nur, ob jede Kommune im World Wide Web erst einen lokalen Minikosmos schaffen muss, um dem Zeitgeist auf allen erdenklichen Kommunikationswegen gerecht zu werden. Wenn sich Gemeinden dazu entschließen, Internet-Netzwerke mit Inhalten auszustatten, dann geht das mit umfassenden Vorüberlegungen und auch sehr klaren Personalentscheidungen einher. Darüber sollten sich alle Entscheidungsträger im Klaren sein.

Es wäre beispielsweise von keinem großen Nutzen, die Anzahl der Kummerkästen in den Verwaltungsfluren zu versechsfachen, wenn diese nach wie vor nur alle zwei Wochen entleert und ausgewertet würden.

Gerade bei der Kennzeichnung von Zuständigkeiten hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf Verwaltungswebseiten enorm viel verbessert. Wenn Bürger ein örtliches Anliegen haben, nutzen diese dann eine weltweit vernetzte Plattform zur Lösung, oder recherchiert sie ggf. zunächst einmal auf regionalen Verwaltungsseiten nach Dienstleistungsangeboten? Letzteres ist doch naheliegender.

Erheben sich Proteste, oder wird für eine bestimmte Sache Lobby gemacht, dann entwickeln sich diese Initiativen völlig unabhängig davon, ob eine Stadtseite bei Facebook existiert, oder ob kommunale Mandatsträger via Twitter erreichbar sind.

Interaktion mit Bürgern sehe ich durch Stadtpräsenzen in sozialen Netzwerken jedenfalls nicht entscheidend verbessert, auch da die Reaktionszeiten von Stadtverwaltungen auf digitalen Wegen, beziehen wir das mal auf einige Regionen Deutschlands, ohnehin äußerst bescheiden sind.

Was könnten Online-Verantwortliche eines Stadtportals tun, um die Kommunikation mit Bürgern grundsätzlich zu verbessern?

Nun, man könnte in Erfahrung bringen, wie zufrieden die Nutzer generell mit dem städtischen Angebot sind. Dafür bieten sich Meinungsumfragen oder Ideenwettbewerbe an. Zunächst sollte sichergestellt sein, dass alle Verantwortlichen, die sich in öffentlichkeitswirksamen Positionen befinden, mit ihrem Namen, ihren Kontaktdaten und ggf. Besuchszeiten genannt werden. Es ist unbegreiflich, wie viele Webmaster, Presse-Verantwortliche oder Mitarbeiter des Stadtmarketings das heute missachten. Eine ungeheuerlich große Personengruppe arbeitet anonym, obschon sie von öffentlicher Hand bezahlte Ämter bekleidet, die Bürgernähe erwarten ließe.

Zuständige Amtsinhaber sind deshalb für Interessenten im Web mit vollständigem Namen, einer Mailadresse, der Telefonnummer sowie idalerweise einem Foto auszuweisen, um zunächst einmal regionale Bürgernähe zu zeigen, bevor man überhaupt darüber nachdenkt, am globalen Web-2.0-Rad zu drehen. Wem das missfällt, hat entweder ein ernsthaftes Datenschutzproblem, bevorzugt es vielleicht "eine ruhige Kugel zu schieben", oder hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, in der Bürgernähe eines der wichtigsten Attribute einer Verwaltungs-Web-Präsenz ist.  

Ferner kann darüber nachgedacht werden, ein lokales Bürgerforum zu implementieren. In diesem Fall sind die getätigten Investitionen, Daten und Moderationsmöglichkeiten zumindest im lokalen Zugriff. Wer weiß schon, wie sich die Netzwerke in zehn Jahren entwickelt und in welche Abhängigkeiten sich Institution oder Unternehmen bis dato begeben haben? Entfernen sich die Arbeiten auf dem Fremdprojekt, sind sogleich auch alle damit verbundenen Arbeitsleistungen weg.

Prinzipiell befindet sich übrigens Onpage auf den Städteportalen derart viel Verbesserungspotential, dass es wenig Sinn macht, z. B. bestehende Kommunikationsschwachstellen mit Hilfe von Fremdplattformen zu beheben.

In welchen Bereichen ist die Verknüpfung kommunaler Stadtseiten mit den Vorteilen des Mitmach-Webs naheliegend?

Genau dort, wo das Mitmachen früher nicht möglich oder nur sehr eingeschränkt war. Die Faszination von Facebook & Co. ist ja unter anderem, dass jeder von uns ohne besondere Vorkenntnisse und kostspielige technische Voraussetzungen Texte, Fotos und Videos veröffentlichen kann, die theoretisch weltweit sogleich aufrufbar sind.

Ein Hit auf Facebook sind beispielsweise historische Stadtansichten, die von jedermann bereitgestellt und kommentiert werden können. Diese Art des lokalen Interesses wird an Gruppen wie "Verschwundenes Dresden" deutlich. Das Interesse an der örtlichen Infrastruktur vergangener Tage ist allgemein riesengroß und könnte auf städtischen Seiten in dieser Form vermutlich nie so viel Resonanz erzeugen. Am Beispiel der Stadtgeschichte Aachens zeigt sich indes auch, dass zum Beispiel die Missachtung von Fotorechten und die Übernahme geschützter Texte auf Facebook eine Menge Staub aufwirbelt, wenn derartige Interessensgruppen aus dem Ruder laufen und geltendes Recht missachten. Es ist deshalb zwingend, dass für alle Facebook-Aktivitäten, die verwaltungsseitig angestoßen werden, jemand eindeutig Verantwortung zeigen muss.

Gibt es allgemeine Trends im Bereich der Städteportale hierzulande? Welche Entwicklungen sind in den nächsten Jahren zu erwarten?

Es ist festzustellen, dass das Qualitätsniveau der Gemeindeseiten bundesweit gesehen immer noch gravierende Unterschiede aufweist. Einige Städteportale übertragen echten "Joy of Use" auf Bürger, andere Magengrummeln. Das Hauptkriterium, nämlich die Auffindbarkeit von Inhalten, ist flächendeckend leider noch nicht verstanden worden bzw. wird sehr häufig noch mangelhaft umgesetzt.

Zudem kämpfen viele Webmaster mit veralteten Designformaten oder Content-Management-Systemen. Hier ist in den nächsten Jahren eine weitere Angleichung zu erwarten, zumal diverse Rathäuser dazu übergegangen sind, Usability-Tests durchzuführen. Zudem wird der Stellenwert der Städteportale verwaltungsintern inzwischen sehr viel gewichtiger beurteilt, als dies noch vor Jahren der Fall war.

Landesportale bereiten Inhalte vor, die dann auf Gemeindeebene übernommen werden können. Das spart zwar Ressourcen auf lokaler Seite, wird jedoch mit dem Umstand erkauft, dass Suchmaschinen diesen doppelten Content nicht prominent anzeigen und Ungenauigkeiten und Fehler hundertfach kopiert werden. Werden allgemeingültige Informationen übernommen, hat das zudem den Nachteil, dass die Situation in der jeweiligen Stadt nicht genauer beschrieben wird.  

Kürzlich las ich von vermeintlich sinnvollen Verknüpfungen von Social Media und eGovernment. Also dabei stellte sich dann doch ein leichtes Frösteln ein, bei aller Vorliebe für Trends und die kommunikativen Errungenschaften des Mitmach-Webs.

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